Die Tochter des Teppichhändlers
Man sagt: Mach deine Schwäche zu deiner Stärke. Lange wusste ich nicht, wie das gehen soll. Ich blickte blind auf meine Herkunft, sah nur das, was nicht passte.
Ich fühlte mich fremd. Sonderbar – aber nicht im Sinne von besonders. Ich fühlte Scham.
Wenn ich als junge Frau gefragt wurde, was meine Eltern beruflich machen, und ich antwortete: „Mein Vater besitzt ein Orientteppichgeschäft“ – dann folgte oft ein fragender Blick. Oder ein Lächeln, das kippte.
Ach so, du bist das Klischee: die Tochter des Teppichverkäufers. Irgendwann sprach ich nicht mehr darüber.
Erst viel später begann ich, mich meiner Herkunft anders zu nähern. Nicht über die Stimmen von außen. Nicht über das, was in den Nachrichten stand. Nicht über das, was falsch ist mit „uns“. Sondern über das, was ich fühle. Was in mir weiterlebt.
Was ich mit meinem Dasein verändere – einfach dadurch, dass ich bin.
Und dann kamen sie zurück, die Bilder.
Ich sehe mich zwischen Stapeln aus Seide und Wolle. Ein ganz eigener Geruch liegt in der Luft – warm, schwer, vertraut. Ich springe von Teppich zu Teppich. Dicke Lagen, dünne Lagen. Ich kämme mit den Fingern die Fransen, zeichne die bunten Muster nach. Meine Augen verlieren sich in Farben, Linien, Kontrasten. Ich verstecke mich zwischen den Teppichlagen, rolle mich ein, werde still. Ich erinnere mich an das Gefühl, getragen zu werden von dieser weichen Welt. Ein Universum aus Mustern. Aus Händen, die geknüpft haben.
Heute bin ich dankbar für diese frühe, hautnahe Begegnung mit einem wunderschönen Kunsthandwerk, das vergessen wurde und langsam verschwindet.
Für all das, was davon in mir weiterlebt – und mich stetig neu inspiriert.